01:43 Uhr
In mir ist eine unendliche Leere. Seit über einer Stunde liege ich im Bett und versuche zu schlafen. Es geht nicht. Ich fühle mich taub, tot und erschöpft. Und ich bin unglaublich müde. Aber ich kann keine angenehme Schlafposition finden, immer wieder muss ich mich auf die andere Seite werfen, mein Kissen auf die kalte Seite, die nicht mehr richtig kalt werden will, umdrehen, meine Haare zu einem Zopf zusammenfassen und wieder lösen.
Mein CD-Player hat sich nach 20min beruhigender Entspannungmusik in den automatischen Ruhezustand versetzt. Aber es ist nicht ganz still. Unser Zechenhaus ist knapp 100 Jahre alt; in solchen alten Gebäuden ist es nie ruhig. Ständig knarrt eine Diele, es klappert in den Heizungrohren und der Wind fegt ums Dach herum. Ab und zu kann ich entfernt Automotoren hören, niemals jedoch in unserer Straße.
Ich kann nicht einschlafen, auch wenn meine Augen schwer sind und mein Kopf nach Schlaf schreit.
03:28 Uhr
Ich bin doch eingenickt. Allerdings hielt der erholsame, angenehm teilnahmslose Zustand des Schlafes nur etwa 1 Stunde. Dann wache ich wieder auf. Mir ist fürchterlich kalt, obwohl mir mein Thermometer angenehme 20 Grad verspricht. Langsam stehe ich auf, meine Füße berühren den kalten Teppichboden; ich kann jede einzelne Faser spüren. An dem Regal gegenüber ziehe ich mich hoch und knipse ein kleines Licht an. Für einen Moment bin ich blind, geblendet von der ungewohnten Helle. Auf dem Boden liegen verstreut meine Klamotten der letzten Tage. Ich greife einen zu großen, flauschigen Kapuzenpulli und eine zweite Schlafanzughose und ziehe die Sachen einfach über die anderen Sachen, die ich trage. Nehme eine rumstehende Wasserflasche und stelle sie neben mein Bett. Gehe zum Lampe und will sie ausschalten. Mein Blick bleibt an der kleinen Schachtel hängen.
Diese eine Schachtel, die mit den lustigen Elefanten drauf, in der ich all diese Sachen aufbewahre. Scheren, Scherben, Messer, Klingen, Tabletten.
Ich fühle mich so unsagbar leer, traurig, tot.
03:44 Uhr
Der Druck mich zu verletzten wird immer größer. Ich versuche zu wiederstehen, die Gedanken an diese eine Klinge, für die ich mich innerlich schon entschieden habe, zu verdrängen.
Ich weiß, dass ich diesem Verlangen, dieser Sucht, nicht lange standhalten kann; nicht alleine. Aber ich bin alleine - wie immer. Niemand ist da, um mich aufzuhalten. Mein Handy, mit all den Nummern meiner Liebsten, die mir versprachen immer für mich da zu sein, ist im Schlafzimmer meiner Eltern. Als Strafe für die Tatsache, dass ich bin, wie ich bin.
Aber vielleicht auch besser, es würden eh alle schlafen und die Enttäuschung, dass keiner für mich da wäre, würde alles nur schlimmer machen.
Mein Laptop, meine Möglichkeit der Flucht in die 2 Acc-Welt, die niemals ganz schläft, liegt neben meinem Handy am Bett meiner Mutter.
Allein. Allein. Allein.
Ich halte diese innere Leere nicht mehr lange aus.
03:56 Uhr
An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Zu der Leere hat sich ihr Freund Unruhe gesellt. Ich kann mir nicht erklären, wie man diese beiden Sachen gleichzeitig fühlen kann, aber es ist anscheinend möglich.
Zwei Stimmen kämpfen in meinem Kopf gegeneinander.
"Lass es, du willst doch nicht dein ganzes Leben lang Narben tragen? Du weißt, dass es nichts bringt, es macht alles nur schlimmer. Letztes Mal hast du dir versprochen, es nie wieder zu tun...!"
"Tu' es doch einfach! Es geht dir danach etwas besser und du liebst es doch, dein Blut zu sehen. Es interessiert sich eh niemand für dich und deine Taten, also nimm die Klinge doch endlich.!"
Ich sitze aufrecht im Bett. Zittere, zu stark um mir Wasser in ein Glas einzugießen; trinke direkt aus der Flasche.
Und werde schwach. Lasse den Druck ungebremst zu.
Meine Füße berühren den kalten Teppichboden, meine Hand greift zu der Schachtel, mit den lustigen Elefanten drauf.
06:14 Uhr
Nachdem ich mich geschnitten habe, bin ich endlich eingeschlafen. Die Unruhe war wieder weg, die Leere in die hinterste Ecke meines Kopfes gedrückt.
Gut 2 Stunden habe ich durchgeschlafen. Dann wache ich kurz auf, bewege meinen steifen Nacken, und ziehe die Bettdecke wieder über meinen Kopf.
Am Morgen (bzw. Mittag) fühle ich mich gut. Ich habe 8 Stunden Schlaf insgesamt bekommen, fühle mich fit, gesund und normal.
Nur die neuen Schnitte, die sich wieder auf meinem Bein befinden, erinnern mich daran, dass ich eben doch nicht normal bin.
Mittwoch, 2. Januar 2013
Dienstag, 1. Januar 2013
Am Ende.
Wow, 2013, du hast so scheiße angefangen, wahnsinn.
Ich hab echt Respekt, dass du es innerhalb von knapp 20 Stunden geschafft hast, mir den Boden unter den Füßen wegzureißen, meinen Selbsthass zu verstärken, mir mehrere Schnitte zuzufügen und einfach so richtig scheiße zu sein. Danke, Madamé 2013.
Fetter Streit mit meinen Eltern heute morgen, kein Taschengeld mehr, stärkste Kontrolle, nur noch verachtende, hasserfüllte Blicke. Werde behandelt wie ein Stück Scheiße, haha.
Als kleine Krönung drohen sie mir noch mit a) dem Verbot meiner ganzen Reisen, die in '13 anstehen -> London, Birmingham, Nütterden, Gemen. (aber heyho, machen die eh niemals)
b) mit Schlägen. Ja, ganz richtig, mit Gewalt. Toll. Mein Vater so: "Wir sind uns bewusst darüber, dass du uns dann anzeigen wirst und wir unsere Strafe dafür bekommen. Aber wenn du uns zu sehr reizt, lassen wir uns das nicht mehr gefallen. Und du kannst dich darauf verlassen, dass wir dann die ganze Wut, die sich in den Jahren angestaut hat, dann rauslassen. [...] Wir werden uns auf dir mit Schlägen auslassen."
Yeah, bin ich dann wenigstens nicht mehr die einzige, die ihren Hass, ihre Wut, ihre Gefühle etc. auf meinem Körper austoben lässt.
Ja, mein erster Tag in dem neuen Jahr hätte nicht schlimmer sein können. Meine Beine werden von frischen Schnitten geziert und mein Inneres fühlt sich leer und tot an.
Zu allem Überfluss hat dann auch noch ein Freund fast einen Suizidversuch begangen. Scheiße man.
Ich kann nicht mehr.
Ich hab echt Respekt, dass du es innerhalb von knapp 20 Stunden geschafft hast, mir den Boden unter den Füßen wegzureißen, meinen Selbsthass zu verstärken, mir mehrere Schnitte zuzufügen und einfach so richtig scheiße zu sein. Danke, Madamé 2013.
Fetter Streit mit meinen Eltern heute morgen, kein Taschengeld mehr, stärkste Kontrolle, nur noch verachtende, hasserfüllte Blicke. Werde behandelt wie ein Stück Scheiße, haha.
Als kleine Krönung drohen sie mir noch mit a) dem Verbot meiner ganzen Reisen, die in '13 anstehen -> London, Birmingham, Nütterden, Gemen. (aber heyho, machen die eh niemals)
b) mit Schlägen. Ja, ganz richtig, mit Gewalt. Toll. Mein Vater so: "Wir sind uns bewusst darüber, dass du uns dann anzeigen wirst und wir unsere Strafe dafür bekommen. Aber wenn du uns zu sehr reizt, lassen wir uns das nicht mehr gefallen. Und du kannst dich darauf verlassen, dass wir dann die ganze Wut, die sich in den Jahren angestaut hat, dann rauslassen. [...] Wir werden uns auf dir mit Schlägen auslassen."
Yeah, bin ich dann wenigstens nicht mehr die einzige, die ihren Hass, ihre Wut, ihre Gefühle etc. auf meinem Körper austoben lässt.
Ja, mein erster Tag in dem neuen Jahr hätte nicht schlimmer sein können. Meine Beine werden von frischen Schnitten geziert und mein Inneres fühlt sich leer und tot an.
Zu allem Überfluss hat dann auch noch ein Freund fast einen Suizidversuch begangen. Scheiße man.
Ich kann nicht mehr.
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