"Kommst du mit in die Umkleide? Wir haben Trinkpause."
Alle Augen sind auf mich gerichtet, wie ich da in der Ecke kauere. Die Beine, eng an den Körper gezogen und von den Armen fest umschlungen, den Kopf auf die Knie gestützt, als könnte ich ihn nicht aus eigener Kraft tragen. Kann ich auch nicht mehr. Die Gedanken sind zu schwer, zu belastend.
Psychologen interpretieren diese Haltung als eine Art Schutzschild. Als Mauer zwischen sich selber und der Außenwelt. Meine Augen sind geschlossen, ich reiße sie aber sofort auf als sie mich ansprechen. Lasst mich schlafen. Lasst mich in Ruhe. Bitte geht weg.
"Ja, ich komme."
Ich gebe vor, dass ich noch meine Schuhe zubinden muss. Ganz langsam verknote ich die Schnürsenkel, lasse langsam eine Schleife entstehen.
Die meisten kehren schon um, wollen nicht noch mehr Zeit der kostbaren Pause verstreichen lassen, indem sie auf
An einem Ende ist die Schleife länger. Ich löse sie wieder. Beginne von vorne. Erst der Knoten, dann die beiden Schnüre übereinander legen und die Schlaufe fest ziehen. Noch ein kleines bisschen an der einen Seite ziehen. Fertig.
Ich blicke auf, die Halle ist leer. Meine Sportlehrerin ist im Geräteraum, ich kann ihre Schritte hören. Bis auf das gelegentliche Quietschen der Sohlen ist es
Stille ist gut, sie ist sicher. Stille verrät dich nie.
Langsam stehe ich auf. ''Ganz langsam, nur nichts überstürzen'', erinnere ich mich selber in Gedanken. ''Nicht wieder hinfallen, weil dir schwarz vor Augen wird.''
Mit dem Rücken rutsch ich die Wand entlang hoch. Ich warte einen Moment. Das Ticken des Sekundenzeiger an der Wand hört sich unwahrscheinlich laut an. Tick. Tick. Tick. Tick.
Vier Sekunden verharre ich an der Wand gelehnt, mit geschlossen Augen, den Kopf in den Nacken gelegt. Dann fühle ich mich sicher genug, mein Kreislauf scheint wieder normal zu funktionieren. Mit den Händen stoße ich mich von der kalten Holzverkleidung der Turnhalle ab und mache vier Schritte in Richtung Ausgangstür.
Zu schnell. Viel zu schnell. Verdammt.
Alles verdunkelt sich, meine Sicht wird trüb und schwarze Flecken tanzen vor meinen Augen. Immer mehr und immer mehr. Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein Kribbeln fährt durch meine Füße und Beine.
Dann verliere ich den Halt.
Ich falle hin, meine Knie und mein rechter Ellenbogen kommen hart auf den ekeligen, dreckigen Boden auf. Schmerz schießt durch meinen Unterarm. Tränen schießen in meine Augen, aber es sind keine Tränen des Schmerzes. Es sind Tränen der Angst. "Du machst dienen Körper kaputt, als erstes merkst du es an deinem Kreislauf", hat mir eine Freundin letztens wutentbrannt hinterher geschrien. Ich habe Angst, weil ich merke, dass sie Recht hat.
Meine Augen werden wieder klarer, ich kann wieder vernünftig sehen. Stehe auf und laufe langsam in die Umkleide. Ich nehme bei jedem Schritt jeden einzelnen Muskel war, achte darauf, nicht zu schnell die Bewegungen auszuführen. Mir strömen die Mitschüler schon entgegen, sie sind fertig mit Trinken und wollen wieder in den Sportunterricht zurück. Ich kämpfe mich durch die Masse, bis ich in der Umkleide angekommen bin. Sofort setzte ich mich auf meinen Platz auf der Bank.
Diejenigen Mädchen, die noch in der Umkleide sind, essen. Sie stopfen sich die Pausenbrote in die Münder, verschlingen Bissen für Bissen die Nutella-Toasts.
"In deiner Tasche ist ebenfalls eine Dose mit Essen. Nimm sie hinaus und esse etwas.", flüstert mir eine Stimme in meinem Kopf zu.
Mein Blick fällt auf sie. Das eine Mädchen, von dem ich euch schon erzählt habe. Die Magersüchtige. Sie steht zwischen all den anderen Mädchen, trinkt aus einer 1 Liter Wasserflasche und lacht. Nein, sie isst nichts.
Ich öffne meine Tasche, sehe die Brote in meiner Dose, blicke zu ihr. Nehme meine Wasserflasche, trinke sie auf ex zur Hälfte leer.
Die Horde Mädchen geht lachend aus der Umkleide. Ich bin alleine. Mal wieder.
Nehme mein Essen.
Und gehe zum Mülleimer.
Scheiß auf die Angst, scheiß auf die Gesundheit, schließlich habe ich einen Kampf zu gewinnen. Mit ihr, mit all den Anderen, mit ihm und natürlich..auch mit mir selber.